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Anatomische Trensen: sinnvoll oder nur ein Trend?

Anatomische Trensen: sinnvoll oder nur ein Trend?

von Ahrens Reitsport
Trensen Passform Pferdewohl

Anatomische Trensen sollen Genick und Gesicht des Pferdes entlasten. Was Studien zur Druckverteilung zeigen, wo die Grenzen liegen und warum die Passform entscheidet.

Ausgeschnittene Genickstücke, weich gepolsterte Nasenriemen, geschwungene Formen: Anatomische Trensen sind in vielen Ställen inzwischen Standard. Sie versprechen, Druck vom empfindlichen Pferdekopf zu nehmen. Doch was steckt dahinter, und braucht jedes Pferd eine solche Trense? In diesem Beitrag fassen wir zusammen, was über Aufbau und Wirkung bekannt ist, wo die Studienlage noch dünn ist und worauf es beim Verschnallen wirklich ankommt.

Was macht eine Trense anatomisch?

Eine anatomische Trense ist so geschnitten und gepolstert, dass sie empfindliche Stellen am Pferdekopf ausspart und den Druck auf weniger empfindliche Bereiche verteilt. Typisch ist ein Genickstück, das hinter den Ohren ausgeschnitten ist und den Ohren mehr Freiheit lässt. Häufig ist es breiter und dicker gepolstert als bei klassischen Modellen. Auch der Nasenriemen ist oft geformt, damit er die Gesichtsknochen und die Stellen, an denen Nerven austreten, nicht direkt belastet.

Bei manchen Modellen sitzt das Genickstück weiter hinten, oder der Kehlriemen ist mit dem Nasenriemen verbunden. So soll der Bereich um den ersten Halswirbel entlastet werden. Die Ausführungen unterscheiden sich von Hersteller zu Hersteller deutlich.

Warum ist der Pferdekopf so druckempfindlich?

Am Pferdekopf verlaufen wichtige Nerven dicht unter der Haut, deshalb reagieren Bereiche wie Genick, Maul und Nasenrücken empfindlich auf Druck. Seitlich am Gesicht tritt zum Beispiel unterhalb des Auges ein Ast des Trigeminusnervs aus. Ein Nasenriemen, der zu hoch oder zu eng liegt, kann hier stören.

Wie hoch der Druck werden kann, hat eine Studie mit 19 Dressurpferden gezeigt, die ein Forschungsteam um Rachel Murray mit Drucksensoren unter gut angepassten Trensen gemessen hat. Die Forschenden fanden mehrere Zonen mit hohem Druck, darunter hinter den Ohren, im Genick, unter dem Stirnriemenansatz und unter dem Nasenriemen. Die Druckspitzen wiederholten sich im Takt der Bewegung.

Was sagen Studien über anatomische Trensen?

Die Studienlage zeigt, dass ein gut durchdachtes Design den Druck messbar senken kann, sie ist aber noch begrenzt. In der genannten Untersuchung verwendete das Team eine veränderte Trense, deren Genickstück Ohren und Atlasflügel ausspart und deren Nasenriemen gepolstert ist. Der gemessene Druck unter dem Genickstück sank damit auf etwa die Hälfte. Zugleich zeigten die Pferde in der Ganganalyse etwas mehr Raumgriff und Gelenkbeugung.

Eine neuere Arbeit desselben Forschungsumfelds kommt zu dem Schluss, dass das Genickstück im Verhältnis zur Anatomie breit und gleichmäßig gepolstert sein sollte. Allerdings gibt es nur wenige unabhängige Vergleiche zwischen verschiedenen handelsüblichen anatomischen Trensen über Rassen und Disziplinen hinweg. Eine Untersuchung an der britischen Hochschule Myerscough kam zu dem Ergebnis, dass jede Trense Druck auf das Gesicht ausübt und Passform und Design immer im Einzelfall beurteilt werden sollten.

Braucht jedes Pferd eine anatomische Trense?

Nein, eine anatomische Trense ist kein Muss, sie kann aber für Pferde, die empfindlich auf Druck im Genick oder am Kopf reagieren, eine sinnvolle Wahl sein. Selbst Hersteller formulieren das zurückhaltend. Kentucky Horsewear schreibt zu seiner speziell geformten Trense, dass sie vor allem für Pferde mit druckbedingten Beschwerden hinter den Ohren gedacht ist und ohne solche Anzeichen keinen besonderen Vorteil bringt.

Wichtig ist eine realistische Erwartung. Eine anatomische Trense löst kein Ausbildungsproblem, und auch die beste Form gleicht eine schlechte Passform oder einen zu eng verschnallten Nasenriemen nicht aus. Zeigt Ihr Pferd Kopfschlagen, Widersetzlichkeit beim Auftrensen oder Empfindlichkeit am Kopf, sollten Sie das tierärztlich abklären lassen, bevor Sie die Ausrüstung wechseln.

Wie eng darf der Nasenriemen verschnallt sein?

Unter den Nasenriemen sollten zwei nebeneinanderliegende Finger eines Erwachsenen auf dem Nasenrücken passen. Diese Zwei-Finger-Regel steht in den Leitlinien zum Tierschutz im Pferdesport des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Die Zäumung darf weder die Atmung beeinträchtigen noch die Kautätigkeit verhindern. Als genaueres Hilfsmittel nennen die Leitlinien einen Messkeil, wie ihn die Internationale Gesellschaft für Pferdewissenschaft (ISES) empfiehlt.

In der Praxis wird diese Regel oft nicht eingehalten. Eine Studie mit 750 Pferden, bei der die Nasenriemen mit dem ISES-Messkeil geprüft wurden, fand, dass nur ein kleiner Teil auf zwei Finger verschnallt war und fast die Hälfte überhaupt keinen Finger Platz ließ. Forschende der Universität Sydney beobachteten bei sehr engen Nasenriemen eine erhöhte Herzfrequenz, und Kauen, Lecken und Schlucken waren unterdrückt. Im internationalen Turniersport schreibt der Weltverband FEI inzwischen in allen Disziplinen einen Messkeil vor. Welche Ausrüstung bei nationalen Turnieren erlaubt ist, regelt die Leistungs-Prüfungs-Ordnung (LPO) der FN.

Spielt die Form des Reithalfters eine Rolle?

Ja, nach den bisherigen Messungen offenbar schon. In der Untersuchung um Rachel Murray traten unter dem kombinierten Reithalfter mit Sperrriemen meist die höchsten Drücke auf, während das hannoversche und das mexikanische Reithalfter die niedrigsten Werte zeigten. Auch in der Studie mit 750 Pferden war das kombinierte Reithalfter deutlich enger verschnallt als andere Formen. Welches Reithalfter zu Ihrem Pferd passt, hängt aber immer auch von Kopfform, Gebiss und Ausbildungsstand ab.

Wie passe ich eine Trense richtig an?

Eine Trense sitzt gut, wenn Stirnriemen, Nasenriemen und Gebiss waagerecht liegen und kein Riemen drückt oder scheuert. Eine Anleitung der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig nennt dafür einige Anhaltspunkte:

  • Nasenriemen: etwa eine Fingerbreite unterhalb der Gesichtsleiste, damit er nicht auf dem Knochen liegt.
  • Kehlriemen: so locker, dass eine aufrecht gestellte Hand zwischen Riemen und Kehlgang passt.
  • Backenstücke: so eingestellt, dass sich im Maulwinkel ein bis zwei Falten bilden.
  • Gebiss: ragt auf beiden Seiten etwa 1 bis 1,5 cm aus dem Maul.
  • Sperrriemen: nie enger als der Nasenriemen.

Achten Sie auch darauf, dass der Stirnriemen lang genug ist und das Genickstück nicht nach vorn an die Ohren zieht. Anatomische Trensen gibt es meist in den Größen Pony, Cob, Full und teils Extra Full, aber nicht jedes Modell in jeder Größe. Messen Sie im Zweifel die alte, gut passende Trense aus und vergleichen Sie die Maße.

Bei Ahrens Reitsport finden Sie anatomische und klassische Trensen sowie passendes Trensenzubehör. Da Trense und Gebiss zusammenwirken, lohnt sich bei Unsicherheit auch ein Termin bei unserer Gebissberatung mit Julia Lühr, im Laden oder direkt bei Ihnen im Stall.